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COVID-19 und warum die stille Krise der arzneimittelresistenten Infektionen wichtiger ist denn je
– von Manica Balasegaram


COVID-19 und warum die stille Krise der arzneimittelresistenten Infektionen wichtiger ist denn je
– von Manica Balasegaram

Das Schreckgespenst einer Infektionskrankheit, die sich als Pandemie ausbreitet und an der Zehntausende von Menschen auf der ganzen Welt sterben, ist kein theoretisches Alptraumszenario mehr. Die „Krankheit X“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist da, und trotz konsequenter Bemühungen der WHO und anderer Akteure, diese Bedrohung im politischen Fokus zu halten, ist die Welt weitgehend unvorbereitet getroffen worden.

Wenn es bereits Lehren aus der Pandemie der durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachten Erkrankung (COVID-19) zu ziehen gibt, dann die, dass zu viele politische Entscheidungen auf kurzfristigem Denken beruhen, das die Gesetze der Natur ignoriert. Die Biologie bestimmt, wie sich Organismen entwickeln, insbesondere wenn wir Druck auf sie ausüben. Da wir immer mehr in die zuvor ungestörte Natur eindringen, werden Viren auch weiterhin auf die menschliche Bevölkerung übergreifen – mit verheerenden Folgen. Das bedeutet auch, dass Arzneimittelresistenzen gegenüber bakteriellen Infektionen durch den umfangreichen und unangemessenen Einsatz von Antibiotika zunehmen werden. Wichtig ist, dass dazu auch diejenigen Infektionen gehören, die als Sekundärinfektionen mit neuartigen Viren in Verbindung gebracht werden.

Der Zusammenhang zwischen COVID-19 und arzneimittelresistenten Infektionen ist beunruhigender, als vielen bewusst ist. Antibiotika sind zwar nicht gegen Viren wirksam, werden aber häufig zur Prävention oder Behandlung vermuteter oder bestätigter bakterieller Sekundärinfektionen bei Menschen, die an COVID-19 erkrankt sind, eingesetzt. Einer frühen Studie aus China zufolge traten bei der Hälfte aller verstorbenen COVID-19-Patienten Sekundärinfektionen auf, die bakterielle Lungenentzündungen, Infektionen der Blutbahn, Sepsis und nosokomiale Infektionen hervorgerufen hatten.1

Der Zusammenhang zwischen COVID-19 und arzneimittelresistenten Infektionen ist beunruhigender, als vielen bewusst ist.

Die Nachfrage nach Antibiotika ist hoch, und viele dieser Infektionserreger sind zunehmend resistent gegen bestehende Antibiotika. Außerdem wächst die Sorge, dass der vermehrte Einsatz von Antibiotika in Verbindung mit unterbrochenen Lieferketten innerhalb weniger Monate zu einer kritischen Unterversorgung mit diesen wichtigen Medikamenten führen könnte.

COVID-19 hat weitere Folgen, die nicht hinreichend verstanden werden. Da sich Regierungen und Gesundheitsinfrastrukturen darauf konzentrieren, auf die Pandemie zu reagieren, verlangsamen sich zahlreiche Forschungsbemühungen zur Bekämpfung arzneimittelresistenter Infektionen oder werden nicht fortgesetzt. Hinzu kommen die Schließungen von Labors und während der aktuellen Krise die Unmöglichkeit, an klinischen Studien, die nicht mit COVID-19 in Zusammenhang stehen, teilzunehmen. Das gilt auch für klinische Studien zu neuen Antibiotika.

Mittel- und langfristig kann der aus der Pandemie resultierende wirtschaftliche Schock dazu führen, dass Finanzmittel von kritischen Investitionen in die Gesundheitssysteme, einschließlich der antimikrobiellen Forschung und Entwicklung, abgezogen werden. Die Konsequenz wäre katastrophal – sie würde von erheblichen Verzögerungen oder sogar der Streichung kritischer Forschungs- und Entwicklungsprogramme bis hin zur Schließung von Forschungsorganisationen und Biotechnologie-Unternehmen, die an Diagnostika, Impfstoffen und Behandlungen arbeiten, reichen. Letztlich könnte das den vermeidbaren Verlust von Menschenleben bedeuten.

Als globale Gemeinschaft müssen wir die Lehren aus COVID-19 ziehen und auch Maßnahmen zur Bekämpfung arzneimittelresistenter Infektionen ergreifen. COVID-19 hat uns unvorbereitet getroffen. Daher müssen wir uns auf die nächste potenzielle Pandemie und arzneimittelresistente Infektionen vorbereiten.
Der wirksame Einsatz von Antibiotika kann jetzt und bei künftigen Krankheitsausbrüchen Leben retten. Um die Auswirkungen von COVID-19 auf bakterielle Infektionen besser zu verstehen und zu bekämpfen, können Regierungen, politische Entscheidungsträger, Förderer und Forscher u.a. Folgendes unternehmen:

  1. Untersuchen, wie bakterielle Sekundärinfektionen, Antibiotikaeinsatz und Arzneimittelresistenz das Überleben oder den Tod von COVID-19-Patienten beeinflussen.
  2. Den globalen Zugang und die globale Versorgung mit den von den Gesundheitssystemen benötigten kritischen Antibiotika schützen, insbesondere wenn diese Systeme starkem Druck ausgesetzt sind.
  3. Die Entwicklung von Behandlungen gegen arzneimittelresistente Infektionen priorisieren. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass solche Bemühungen in dieser schwierigen Zeit unterstützt und nach dem Abklingen der Pandemie beschleunigt werden.

COVID-19 ist ein lauter Aufruf an alle Akteure im globalen Gesundheitswesen. Weitere Investitionen in das öffentliche Gesundheitswesen und die Gesundheitssysteme sowie in gemeinsame Forschung und Entwicklung sind zwingend notwendig. Antibiotika, das Rückgrat unserer Fähigkeit, auf Krankheitsausbrüche zu reagieren, sind ebenfalls gefährdet. Neue, wirksame Interventionen sind bereits jetzt erforderlich, und die Nachfrage wird noch steigen.

Wenn es bereits Lehren aus der Pandemie der durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachten Erkrankung (COVID-19) zu ziehen gibt, dann die, dass zu viele politische Entscheidungen auf kurzfristigem Denken beruhen, das die Gesetze der Natur ignoriert.

Genau aus diesem Grund hält die Global Antibiotic Research and Development Partnership (GARDP), eine gemeinnützige Organisation, die neue Behandlungen gegen arzneimittelresistente Infektionen entwickelt, ihre Mission für wichtiger denn je. Mit unseren Partnern haben wir eine Business-Continuity-Strategie entwickelt, um sicherzustellen, dass wir die Auswirkungen von COVID-19 so weit wie möglich abschwächen und unsere Arbeit beschleunigen können, sobald es die Situation erlaubt.

Durch die Förderung von Partnerschaften zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor befindet sich GARDP in einer guten Position, um die Entwicklung dringend benötigter Behandlungen zu beschleunigen, deren Zugang auf nachhaltige und verantwortungsvolle Weise gesichert ist.

Wie COVID-19 stellen Antibiotikaresistenzen eine Krise der Gesundheitssicherheit dar, die in der Bevölkerung leise um sich greift und keine Grenzen kennt. Kein Land, kein Unternehmen und keine Organisation kann Arzneimittelresistenzen allein bekämpfen. Das kann nur gemeinsam geschehen. Wir müssen jetzt handeln, um zu verhindern, dass arzneimittelresistente Infektionen zur nächsten globalen Bedrohung für die öffentliche Gesundheit werden. Regierungen müssen Maßnahmen ergreifen, um die Einführung notwendiger Interventionen zu beschleunigen; dazu zählt auch die Entwicklung neuer Behandlungen gegen bakterielle Infektionen.

Literatur:

  1. Zhou F, Yu T, Du R, Fan G, Liu Y, Liu Z et al., Clinical course and risk factors for mortality of adult inpatients with COVID-19 in Wuhan, China: a retrospective cohort study. Lancet. 2020;395(10229):1054-1062. 

Dr. Manica Balasegaram ist ein britischer Arzt und derzeit Geschäftsführer der Global Antibiotic Research and Development Partnership (GARDP) in Genf.

2020-04-16T07:51:42+00:00

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